Aus einem anderen Forum

Die Sache mit dem Müll auf Djerba – beziehungsweise in Houmt-Souk

Anlässlich meiner Lesung im Aldiana kam aus verschiedenen Seiten die Frage nach dem Müll, dem damit zusammenhängenden Streik und den für eine touristische Insel unvorstellbaren Zuständen von Müllhaufen und verbrannten Containern.
In der Diskussion zuvor mit Landsleuten und Familienmitgliedern habe ich die wildesten Spekulationen und Erklärungen gehört.

Es ist unsere ureigene Charaktereigenschaft, dass wir niemals die Schuld oder Verantwortung tragen und auf uns selbst mit dem Finger zeigen, sondern dass wir stets auf externe Umstände und Akteure hinweisen. So war die wildeste Meinung, dass die CIA dahinter steckte, um das Land zu destabilisieren. Oder aber: Beji Caid Sebsi, der Djerba besucht hatte, um eine politische Veranstaltung zu führen und der nicht so willkommen war (man hat ihn mit Tomaten beworfen), ging beleidigt nach Tunis zurück und liess einige Fäden ziehen, damit der Müll die Insel in Verruf bringen würde.Oder noch: alle politischen Verantwortlichen seien in Warteposition und würden erst nach den Wahlen im Oktober die Problematik ernsthaft angehen, da sie dann die Kompetenz hätten.

Mittlerweile werden die Meldungen von Gesundheitsschäden häufiger. Viele Menschen fragen sich ernsthaft, ob sie für das bevorstehende Opferfest ein Schaf kaufen sollten, das gelegentlich an diesen Mülleimern geschnuppert und vielleicht sogar davon gegessen hat. Der Slogan „Djerba La Douce“ (Djerba, die Milde) wird vermehrt „Djerba la Poubelle“ (Djerba der Mülleimer) ausgesprochen. Kinder, die am Montag die Schule angefangen haben, laufen an mehreren Müllhaufen und verfaulenden, stinkenden und rauchenden Kehrichtresten vorbei. Die nächtlichen Verbrennungsaktionen lassen die Menschen nicht mehr schlafen.

Am Donnerstag war ein Generalstreik angesagt und wurde mit einer zunächst friedlichen Demonstration begleitet. Abends aber eskalierte die Sache und mehrere Busse, Privatautos und Taxis fanden nicht einmal mehr den Weg zum Flughafen und mussten weite Umleitungen auf sich nehmen. So waren der erste und der letzte Eindruck vieler Touristen nicht gerade positiv und zur Rückkehr einladend. Auch wir spürten die Auswirkungen: die Bücher, die wir an der Lesung verkaufen sollten, steckten in einem Auto, das es nicht mehr ins Hotel geschafft hat… Das aber wäre keine Tragödie, das Image der Insel aber ist bald ruiniert.
Was aber ist Tatsache?

Zunächst einmal ist der Dreck nicht auf Djerba, sondern in Houmt-Souk. Midoune beispielsweise ist sauber, zumindest nicht dreckiger als sonst. Dass neben den grossen Containern Müll herumliegt, gehört seit immer zum Bild unserer Strassen. Dazu weiter unten noch einige Bemerkungen. Ajim ist ebenfalls sauber. Wie kommt es, dass nur in Houmt Souk der Kehricht seit bald vier Monaten sich türmt und niemand ihn beseitigt? Dafür müssen wir die Historie dieser stinkenden Angelegenheit kurz aufführen. Dies scheint mir die plausibelste Erklärung für die untragbaren und unwürdigen Zustände:

Vor vielen Jahren – noch unter Ben Alis Regime – gab es eine Vereinbarung zwischen mehreren Gemeinden Djerbas – darunter Ajim und Midoune – wonach der Müll ins Landesinnere transportiert und dort deponiert wird. Die Gemeinden beteiligen sich (heute noch) an den Kosten. Darum sind diese Gemeinden heute noch sauber, weil sie weiterhin ihren Kehricht nach Medenine transportieren und „entsorgen“, in Anführungs- und Schlusszeichen, weil eigentlich heute ein Vergraben oder auf der Oberfläche Verbrennen von Müll nicht mehr State of the Art ist.

Jedenfalls sagte die Gemeinde Houmt Souk damals, sie würde nicht mitmachen, weil sie ja die Deponie in Guellala hatte. Und weil die Bewohner von Guellala unter dem Regime von Ben Ali – wie alle anderen auch – zähneknirschend akzeptieren musste, wurde eine inzwischen berghohe Deponie angesammelt. Sie ist heute eine tickende Zeitbombe, da gefährliche Gase ausweichen, die ständig abgefackelt werden müssen…

Nach der Revolution haben die Bewohner Guellalas sich gewehrt und haben die Deponie mangels einer friedlichen Lösung besetzt und schliesslich geschlossen. Houmt Souk ist seit dann ohne Deponie. Und dass sich heute der Gouverneur und andere Leute gegen eine schnelle Lösung und Aufnahme Houmt Souks in den Verbund stellen, kann nur mit verantwortungsloser alter Fehde und Rivalitäten begründet werden, denn weder das Geld noch die Transportmittel fehlen.

Wie schnell auch immer die Lösung kommt, sie wird noch lange ihre Spuren hinterlassen und man wird noch in Jahren fragen, warum Krankheiten erscheinen, wo die ganze Insel doch inzwischen sauber ist. Die Auswirkungen dieser menschengemachten Umweltkatastrophe wird Djerba noch lange beschäftigen…

Anlässlich meiner Lesung kam gleichzeitig das Thema der Bildung zur Sprache, da wir ja mit swissvision 630 Schulmappen ausliefern durften, unter anderem mit Hilfe vom Hotel Aldiana Atlantide Djerba. Und dies gab mir den Anlass eine Aussage zu machen, die nicht jedem meiner Landsleute gefallen wird, obwohl viele mit mir einig sein werden (müssen):

„Wir haben den Glauben – also den Islam – verloren. Der Islam verabschiedet sich von unserer Gesellschaft und wandert gegen Norden und Westen ab.“

Dies aus mindestens diesen zwei aktuellen Gründen:
1. 107‘000 Kinder verliessen die Schulen Tunesiens im Schuljahr 2012/13. Dieses Jahr sind es vielleicht mehr. Es gibt bestimmt Eltern, die es sich nicht mehr leisten können, die Schultaschen und das Material sowie neue Kleidung zu bezahlen. Dennoch würden sie kaum auf ein Handy pro Person verzichten. Es gibt aber darunter auch sicherlich Familien, die ihre Kinder bewusst zuhause für die Hausarbeit behalten oder sie viel zu früh in die Kinderarbeit schicken.

Unser Glaube aber gebietet uns das Lernen und das Erlangen von Wissen. So fängt der Koran mit dem Wort „Iqra‘“ an – Lies! Und wer in unserer Gesellschaft liest noch? Gott, der uns aufträgt, uns nicht dem Wissen zu verschliessen, widersprechen wir, indem wir für hohe Analphabetenraten sorgen und kaum etwas mit unserem eigenen Wissen für diese Welt beitragen. Wir nehmen die Reste des Westens, seien es Autos, Kleider oder gar Lebensmittel. Was sie nicht mehr brauchen, weil sie es dank ihrem Wissen verbessert haben, das kommt zu uns und wir freuen uns wie kleine Kinder…

2. Mit den Worten „Ennadhafatu minal Iman ual Usakhu minal Schaitan“ – die Sauberkeit kommt vom Glauben und der Dreck vom Satan – lässt sich klar feststellen, dass im Moment mehr Satan wütet als der Glaube herrscht.

Der Umgang mit unserer Umwelt ist nicht islamisch! Und weder Ennahdha noch die Islamisten haben da etwas zum Positiven verändert. Vielleicht müssen wir tatsächlich die bittere Wahrheit aussprechen, dass wir nur unter Druck und Angst leben können und dass wir nicht in der Lage sind, selbständig, frei und mit eigener Entscheidung zu funktionieren!
Ich wünsche mir sehr, dass hart tönende Worte und eine schwer zu schluckende Pille der Wahrheit uns alle aufwecken, uns zu Akteuren werden lassen und uns aus der Position des Reagierens und Spekulierens herausholen…
Amor Ben Hamida, Djerba und Medenine, 20.9.2014


Bearbeitet von Tenero (21/09/2014 21:29)